Weltdrogentag am 26. Juni
Zum Weltdrogentag am 26. Juni sind aktuelle Zahlen erschienen: In NRW starben im vergangenen Jahr 441 Menschen durch den Konsum illegaler Substanzen sowie durch Medikamentenmissbrauch. An den Folgen von Alkohol und Nikotin Verstorbene sind hier nicht mitgezählt. Dabei gibt es ein differenziertes Hilfesystem für Menschen mit Suchterkrankungen. Doch nur ein Bruchteil der Betroffenen findet den Weg in die passgenaue Hilfe. Das hat vielfältige Gründe.
Sehr viele EU-Behandlungsleitlinien empfehlen die „Motivierende Gesprächsführung“ (engl. Motivational Interviewing/MI) als wirksame Methode zur Behandlung von Suchterkrankungen – allerdings fehlt vielen Suchthilfe-Fachkräften das dafür erforderliche Ausbildungsniveau. Das zeigt eine aktuelle Studie, die Prof. Dr. Ulrich Frischknecht von der Katholischen Hochschule Köln (katho) u.a. mit Studierenden des Masterstudiengangs Suchthilfe/-therapie durchgeführt hat und die jetzt im Fachmagazin „European Addiction Research“ erschienen ist.
In einer quantitativen, anonymen Querschnittsbefragung wurden 262 Fachkräfte aus dem Suchthilfesystem zu ihrer Ausbildung in Motivational Interviewing, ihrem Wissensstand, der Motivation ihrer Klienten und der Anwendung von MI in der Praxis befragt. Im Ergebnis gab nur etwa die Hälfte der befragten Fachkräfte (55 Prozent) an, mindestens einen Tag an einer MI-Schulung teilgenommen zu haben. Nur 31 Prozent aller Befragten bejahten, dass in ihrer Einrichtung entsprechende Fortbildungen, Qualitätszirkel, Trainingskurse oder Ähnliches eingerichtet wurden.
Frischknecht sieht darin eine seit Jahren vernachlässigte Fortbildungskultur in der Suchthilfe: „Die Fortbildungsbudgets in Einrichtungen der Suchthilfe werden meist bereits durch infrastrukturell notwendige Verwaltungsfortbildungen aufgrund sich ändernder Gesetzgebungen aufgefressen.“ Da verwundere es nicht, dass Fortbildungen in einem so grundlegenden Bereich wie der Motivationsarbeit zurückblieben.
Darum ist die Motivationsarbeit so bedeutsam
Wenn es um Veränderungsprozesse geht, besteht der erste Schritt darin, eine Motivation aufzubauen und dann konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Motivational Interviewing ist eine zentrale Methode, um solche Veränderungsprozesse anzustoßen – nicht nur in der spezialisierten Suchthilfe, sondern auch in anderen Arbeitsfeldern mit suchtbezogenen Fragestellungen.
Hier setzt die Motivierende Kurzintervention MOVE an – eine dreitägige Fortbildung in Gesprächsführung, die in NRW entwickelt wurde. Sie greift zentrale Elemente des Motivational Interviewing auf und überträgt sie in den Alltag von Fachkräften, die nicht in der Suchthilfe tätig sind, etwa in der Jugendhilfe. Programmleiter André Frohnenberg sagt: „Oftmals setzen Angehörige, Berater:innen und Behandler:innen voraus, dass die Motivation bereits da ist, damit eine Person sich beispielsweise in Entgiftung und Entwöhnung begibt. Doch das ist oft noch gar nicht der Fall.“
MOVE
Die Motivierende Kurzintervention kombiniert Elemente des MI mit dem Transtheoretischen Modell der Veränderung (Prochaska, DiClemente u.a). Sie richtet sich insbesondere an Fachkräfte außerhalb der spezialisierten Suchthilfe, die junge Menschen dabei unterstützen möchten, ihr Konsumverhalten zu reflektieren und Veränderungsbereitschaft zu entwickeln. Sie ermöglicht es, in kurzen Gesprächen herauszufinden, in welcher Phase der Veränderungsbereitschaft eine Person sich befindet. So können Anregungen und Interventionen passgenauer und niedrigschwellig an die Person gerichtet werden. Befindet sie sich beispielsweise in der Phase der Absichtslosigkeit, so wird sie den Vorschlag, eine Therapie zu beginnen, sehr schnell zurückweisen. MOVE sensibilisiert Kontaktpersonen dafür, im Gespräch diese Phasen zu erkennen und entsprechend zu interagieren – und kann dabei helfen, den Weg in weiterführende Angebote der Suchthilfe vorzubereiten. „Dabei handelt es sich nicht um reine Gesprächstechniken, sondern um die Haltung dahinter“, sagt Frohnenberg, der selbst lange in der Jugendberatung tätig war.
Neben Nordrhein-Westfalen, wo MOVE entwickelt wurde, ist das Programm auch in zahlreichen anderen Bundesländern sowie in der Schweiz etabliert.
Suchthilfestruktur
In Anbetracht der Zahlen fordert Frischknecht: Die Finanzierung der Suchthilfestruktur soll beim Infrastruktur-Paket der Bundesregierung in Höhe von 500 Milliarden Euro berücksichtigt werden. „Wenn wir uns die wirtschaftlichen Folgekosten in Deutschland allein von den Suchtmitteln Tabak und Alkohol mit über 100 Milliarden Euro pro Jahr anschauen, wäre dies vermutlich eine extrem kosteneffiziente Investition“, findet der Psychologe, „ganz zu schweigen von dem Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen.“
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