Fachstelle für Sucht­vorbeugung
Jugend­beratungs­stelle
in Mülheim an der Ruhr

Kontrast Leichte Sprache

Zuhören um aufzuhören? – MoKuSen

12.08.2021RN

Herr M. ist 71 Jahre alt und trinkt am liebsten Bier. "Dat haben die früher sogar den Kindern gegeben, dat ist jesünder als Wasser." Er kann gute Sprüche klopfen und nennt seine Drinks immer wieder bei neuen Namen: "Schlaftrunk, Gläschen, Medizin". Es scheint so, als wolle er das, was er da eigentlich jeden Abend trinkt, hinter schönen Wörtern verstecken.

Wahrscheinlich hat jeder schon mal jemanden wie Herrn M. kennengelernt und wusste nicht genau, wie das Thema des Konsums angesprochen werden soll. So oder so ähnlich können Gesprächsanlässe mit älteren Menschen aussehen, um suchtvorbeugende Gespräche zu führen.

Seit knapp zwei Wochen bin ich als Praktikantin in der ginko Stiftung für Prävention tätig und habe mich noch nie so bewusst mit dem Thema Sucht auseinandergesetzt. Direkt am ersten Tag werde ich gefragt, ob ich nicht an einer Fortbildung teilnehmen möchte, die sich mit Sucht im Alter beschäftigt: MoKuSen - Motivierende Kurzintervention mit Seniorinnen und Senioren.

Zur Vorbereitung lese ich Broschüren, Artikel und Info-Material. "Stark bleiben – Suchtfrei alt werden" - wie kann das gehen? Ich denke an meinen Nachbarn und seine Lebenssituation. Die großen Entscheidungen des Lebens wurden schon getroffen. Freunde sterben, die Mobilität nimmt ab und die Familie besucht einen dann doch nicht so oft, wie sie es am Telefon ankündigen. Kein Wunder, wenn jemand da zu Mitteln greift, die einem das Leben erleichtern. Mir wird klar: Genau da liegt der Punkt. Deshalb ist das Thema Suchtprävention im Alter so wichtig. Nur wie erreicht man die Menschen?

Am 04.08.21 ist der erste Tag der Fortbildung und ich finde mich mit 13 anderen Teilnehmenden in einem Seminarraum der Akademie Wolfsburg in Mülheim wieder. Es stellt sich heraus, dass wir eine ausgeglichene Gruppe von ehrenamtlich tätigen und professionellen Fachkräften sind, die alle auf die eine oder andere Art mit älteren Menschen arbeiten. Dann beginnt das erste Modul und wir lernen in den darauffolgenden Stunden Techniken, Fragestellungen und Vorgehensweisen – vor allem aber geht es um die Haltung. Übungen in Kleingruppen verlangen, dass wir in die Rolle des Ansprechpartners sowie in die der zu adressierenden Menschen schlüpfen. Es wird gelacht, gegrübelt und ausgetauscht. Reaktionen werden hinterfragt, Zweifel geäußert und individuelle Vorstellungen einer guten und gesunden Lebensweise klar.

Nicht alle Teilnehmenden sind sich in allem einig. Wie kann ich eine Entscheidung bei meinem Gegenüber hervorbringen? Kann und soll ich überhaupt Einfluss nehmen? Was, wenn die Gesprächstechniken für den Moment Erfolg zeigen, aber langfristig keine Veränderung im Konsumverhalten entsteht?

Diese Fragen stellen wir auch vor der gesamten Gruppe. Je länger wir arbeiten und uns austauschen, desto mehr wird klar: Eine Entscheidung ist ein Prozess. Man kann zur Seite stehen, Hilfe anbieten und versuchen, das Gegenüber so gut zu verstehen wie möglich und darauf bauen, eine Veränderung bewirken zu können. Viel wichtiger ist jedoch: Die Entscheidung einer Veränderung liegt beim Menschen selbst. Respekt, Anerkennung und Wertschätzung des Willens des Gegenübers ist wichtiger als die Erreichung irgendwelcher Ziele der beratenden Person.

Die Fortbildung kommt zum Ende und das Feedback an die Anleitung ist eindeutig positiv. Alle erhalten ein Zertifikat, verabschieden sich und tauschen noch ein letztes Mal Nummern und Visitenkarten aus. Ein Übungstreffen wird im November stattfinden, bei dem die Teilnehmenden noch einmal trainieren und sich darüber austauschen können, wie sie das Gelernte in der Praxis anwenden konnten.

Ich stelle mir vor Herrn M. vor der Wohnung zu treffen und würde ihn einfach nur fragen: "Hallo Herr M. Haben Sie kurz Zeit für ein Pläuschchen?"


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