Landes­fachstelle Präventionder Sucht­kooperation NRW

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AG "Achtsamkeit"

17.05.2022RN

Hinter dem Begriff "Achtsamkeit" verbirgt sich einkomplexes Themenfeld, bei dem Einflüsse aus Hirnforschung und Psychologie zusammenfließen. Vor allem aber ist die Praxis der Achtsamkeit keine moderne Erfindung, sondern hat, geboren in den ostasiatischen Ländern, Jahrtausende alte Wurzeln.

Wie Achtsamkeit und Suchtprävention zusammenhängen und warum die Achtsamkeitspraxis wertvolle Impulse für eine nachhaltige Prävention bietet, zeigt sich im Gespräch über die Arbeit der AG "Achtsamkeit".

Seit wann gibt es die AG "Achtsamkeit in der Suchtprävention"?

Die AG Achtsamkeit gründete sich 2021, Ausgangspunkt ist das Projekt "AmSel – Achtsamkeits- und mitgefühlsbasierte Suchtprävention in der Schule", welches seit 2020 in Bonn, Köln und dem Rhein-Sieg-Kreis umgesetzt wird. AmSel ist ein Kooperationsprojekt zwischen update Fachstelle für Suchtprävention Bonn und der AG Gesundheit und Prävention der Kliniken Essen Mitte, gefördert vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS).

Die Idee von Achtsamkeit für den weiteren Kreis der Präventionsfachkräfte zu öffnen und weiterzutragen, ist Ziel dieser AG.

Welche Bedeutung hat das Thema "Achtsamkeit" für die Prävention, aber auch gesellschaftlich?

Ganz basal arbeiteten wir zunächst heraus, was der Begriff Achtsamkeit bedeutet und dass sie für die suchtpräventive Arbeit wertvoll ist.

Die Praxis der Achtsamkeit ist keine moderne Erfindung, sondern hat, geboren in den ostasiatischen Ländern, Jahrtausende alte Wurzeln.

In einer Definition von Jon Kabat-Zinn ist Achtsamkeit (engl. "Mindfulness") eine bestimmte Form des Bewusstseinszustands, die

  • absichtsvoll ist,
  • sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht und nicht in die Vergangenheit oder die Zukunft gerichtet ist
  • und nicht wertend ist.

Es geht um die bewusste Wahrnehmung körperlicher Reaktionen, Gedanken und Gefühle – auch die, die als unangenehm empfunden werden können. Wir können diese konzentrierte Art der Wahrnehmung trainieren und somit einen Raum zwischen den eingefangenen Reizen und unseren Reaktionen schaffen. Wir können lernen, stressbesetzte Situationen/Gedanken und unsere (körperlichen) Reaktionen darauf für einen Moment zu unterbrechen und eine bewusste Entscheidung für unser Handeln zu treffen.

Das Prinzip Achtsamkeit als Präventivmaßnahme in der Gesundheitsförderung gewinnt aufgrund neurowissenschaftlicher Befunde über seine Wirkungen auf die mentale Gesundheit zunehmend an Bedeutung. Vielversprechend für Suchtprävention sind die evident positiven Effekte von Achtsamkeitsprogrammen auf die Emotionsregulation und Verhaltenssteuerung sowie auf Selbstfürsorge und Resilienz.

Wir sehen Achtsamkeit als hochpotentes Werkzeug zur Emotionsregulation und Selbstbestimmung im Sinne suchtpräventiver Ziele. Durch Achtsamkeit können wir einen selbstfürsorglichen und verantwortungsvollen Umgang mit herausfordernden Gefühlen und starken Impulse erlernen, damit nicht der Konsum unsere einzige Strategie zur Regulation wird.

Achtsamkeit und Selbstregulation – wie hängt das zusammen?

Achtsamkeit dient der Selbstregulation und Impulskontrolle und kann u.a. dazu beitragen, einer Suchtentwicklung im Jugendalter vorzubeugen.

Dazu gehört es, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, und zwar sowohl positive Gefühle wie Freude, Begeisterung, Entspannung und ebenso Traurigkeit, Angst, Wut und Frustration. Gerade bei den eher als negativ bewerteten Empfindungen laufen automatisch bestimmte körperliche Reaktionen ab, die vom sympathischen Nervensystem blitzschnell gesteuert werden – also erhöht sich der Herzschlag, die Atmung wird flach und schnell, die Verdauung wird gedrosselt, um den Körper in Kampf- bzw. Fluchtbereitschaft zu versetzen. Neben diesen beiden Stressreaktionen gibt es noch als dritte das Erstarren, bekannt sind alle drei als "fight – flight – frozen".

Menschen tendieren dazu, solche unangenehmen Zustände schnellstmöglich zu beenden oder nicht fühlen zu wollen – also greifen sie möglicherweise zu Hilfsmitteln wie Alkohol, Nikotin, Medien oder anderen Suchtmitteln, um sich abzulenken.

Nachweislich stärkt regelmäßige Achtsamkeitspraxis den bewussten Umgang mit quasi automatisierten Reiz-Reaktionsmechanismen und die Selbststeuerung. Angewandt auf das Thema Sucht liegen Erkenntnisse vor, die die Zunahme körperlicher Regulationsfähigkeiten durch Achtsamkeitspraxis bei gleichzeitiger Abnahme von Drogenkonsum zeigen.

Die Achtsamkeit bietet mit dem Moment der Wahrnehmung dieser Gefühle eine Möglichkeit des Innehaltens und damit der Unterbrechung der automatischen Reaktion und ein Bewusstsein, dass es alternative Möglichkeiten gibt. Sie dient also der Selbstregulation bzw. Impulskontrolle und ist damit eine Methode, um einer Suchtentwicklung im Jugendalter vorzubeugen.

Welche Rolle spielt der individuelle Umgang mit Gefühlen bei der Suchtentstehung?

Wenn ein Konsum kein Genuss mehr ist, sondern sich riskant entwickelt – wir sprechen von missbräuchlichem Konsum – dann verbirgt sich dahinter meistens ein Versuch der Emotionsregulation. Es gibt den alten Spruch "Sucht kommt nicht von Drogen, sondern von verdrängten Sehnsüchten, verschluckten Tränen, erfrorenen Gefühlen…"

Menschen streben danach, unangenehme Gefühle zu reduzieren und angenehme zu steigern. Missbräuchlicher Konsum ist häufig eine Form der Kompensation, d.h. Emotionsregulation. Wir erhoffen uns vom Konsum oft, dass ein schwieriges Gefühl weggeht. Das kennen wir alle z.B. auch vom Medienkonsum oder Süßigkeiten. Aber je öfter ich diesen Weg wähle – gerade als Kind/Jugendlicher – desto größer ist das Risiko einer Suchtentwicklung. Das Belohnungszentrum im Gehirn ist besonders empfänglich für solche Gewohnheiten und "lernt" sozusagen, sich am Konsum zu orientieren, ihn als Hilfsmittel zu nutzen, statt eigene Handlungswege zu entwickeln. Sowohl durch Konsum als auch durch "Produktion" – über eigenes Handeln gute Gefühle, Beziehungserlebnisse oder Wahrnehmungen zu verschaffen – nehmen wir steuernd Einfluss auf das eigene Wohlergehen.

Ein Hauptdiagnosekriterium von Sucht ist laut ICD 11 der Kontrollverlust. Zahlreiche neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass süchtige Verhaltensweisen durch Probleme in der exekutiven Kontrolle und (Selbst)Regulation von Gefühlen, Gedanken und Verhalten vermittelt werden.

Welche weiteren Aufgaben stehen an, woran arbeitet Ihr zurzeit?

Zunächst beschäftigten wir uns mit der Wirkung von Achtsamkeit bzw. Achtsamkeitspraxis für unser Arbeitsfeld. Soziale Kompetenzen, d.h. Umgang mit Gefühlen, Selbstregulation, Risikokompetenz sind Grundpfeiler der nachhaltigen Suchtprävention. Wir tragen wissenschaftliche Grundlagen der Hirnforschung und dem Forschungsverbund IMAC-Mind zusammen.

Wie gestaltet sich Eure Zusammenarbeit?

Aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen haben wir uns bisher rein online getroffen. Im Dezember hatten wir die Möglichkeit, beim Arbeitstreffen der Präventionsfachkräfte im Dezember 2021 in Kleve einen Workshop von Jasmin Friedrich (Fachstelle update Bonn, Projekt Achtsamkeits- und mitgefühlsbasierte Suchtprävention in der Schule) zu besuchen, in dem es um Achtsamkeit und ihre Verbindungen zur Suchtprävention ging. So bereichernd es ist, sich zu treffen und mit einer gemeinsamen Achtsamkeitsübung in den Workshop zu starten – stellten wir fest, dass wir kurze Achtsamkeitsimpulse auch gemeinsam in einer Videokonferenz durchführen können.

Das sind die Beteiligten der AG

Anja Laudowicz-Bodi, Drogenhilfe Köln

Nadine Bröcheler, inechtzeit Fachstelle für Suchvorbeugung Bochum

Jasmin Friedrich, update Fachstelle für Suchtvorbeugung Bonn Caritas und Diakonie

Svenja Karweger, Caritasverband für den Kreis Gütersloh

Sören Patrick Klehm, Oberbergischer Kreis

Tina Kolonko, ginko Stiftung für Prävention, Mülheim an der Ruhr

Petra Nachbar, Caritasverband für den Kreis Coesfeld

Ruth Ndouop-Kalajian, ginko Stiftung für Prävention, Mülheim an der Ruhr

Verena Stamm, Caritasverband Kreis Olpe

 

Weitere Informationen zum Thema "Achtsamkeit in der Suchtprävention"

Präsentation von Jasmin Friedrich, update Fachstelle für Suchtprävention (Caritas/Diakonie), Bonn

IMAC-Mind

IMAC-Mind steht für: "Improving Mental Health and Reducing Addiction in Childhood and Adolescence through Mindfulness: Mechanisms, Prevention and Treatment" / "Verbesserung der psychischen Gesundheit und Verringerung von Suchtgefahr im Kindes- und Jugendalter durch Achtsamkeit: Mechanismen, Prävention und Behandlung".

https://www.imac-mind.de/

Quellen
DHS Suchtprävention in der Heimerziehung 2018

Schulte-Körner 2016, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 113 Heft 11, 2016

Whelan et.al. 2014

Anderssen-Reuster 2009

Price, Crowell 2016

Brewer 2015

Werner und Gross 2010

 


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