Cannabisprävention in Deutschland
von Soellner, R., Kleiber, D. (2005)
Quelle
Prävention von Cannabiskonsum und -missbrauch: Evidenzbasiert oder nur gut gemeint? In: Suchttherapie 6, 116-125.
Beschreibung
Die beiden in Berlin lehrenden Wissenschaftler zeigen zunächst anhand eines geschichtlichen Überblicks, dass in Deutschland eine einheitliche, schlüssige und in ihren Aussagen konsistente Präventionsbotschaft im Bereich Cannabis nicht zu erkennen ist. So wird z.B. aus medizinischer und kriminologischer Sicht die Verhinderung des Erstkonsums von Cannabis gefordert. Aus psychosozialer und soziokultureller Perspektive erscheint dagegen der einer Neugiermotivation entspringende und in der Regel kurzzeitige Probierkonsum von Cannabis weniger problematisch und wird sogar als Entwicklungsaufgabe des Jugendalters begriffen. Damit greife eine Primärprävention, die auf absolute Abstinenz abzielt, zu kurz.
Weiterhin weisen die Autoren auf generelle methodische Mängel bei der Projektentwicklung hin. Gemessen an dem Anspruch, „dass eine wirksame Präventionsmaßnahme, neben einer fundierten Analyse der Ausgangssituation, messbare Ziele der Cannabisprävention zu ope-rationalisieren hat, eine exakte Festlegung der anzusprechenden Zielgruppen vornehmen muss und eine Evidenzbasierung der Präventionsmaßnahmen anstreben sollte (Dokumentation der Fachtagung - Jugendkult Cannabis - Risiken und Hilfen, BMGS 2005) habe man in Deutschland noch einen weiten Weg vor sich.
Zum Problem der fehlenden Evidenz: In den insgesamt 101 von Soellner und Kleiber recherchierten Metastudien, die in den letzten fünf Jahren zur Effektivität von Programmen vor allem in den USA und den westlichen Industrienationen durchgeführt wurden, fanden cannabisspezifische Programme keine Berücksichtigung.
Präventionsprogramme, die explizit auf die Senkung des Erstkonsums von Cannabis ausgerichtet sind oder die Erhöhung des Einstiegsalters zum Ziel hatten, wurden nicht identifiziert.
Unter den von den Autoren vorgestellten canna-bisspezifischen Projekten Realize it, Quit the Shit, Schule und Cannabis - Regeln, Maßnahmen und Intervention. Leitfaden für Schulen und Lehrpersonen und Frühintervention erstauffälliger Jugendlicher (FreD) wurde nur letzteres einer (positiven) Bewertung unterzogen.
Für die zukünftige Cannabisforschung wünschen sich Soellner und Kleiber eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema soziale Ungleichheit und Cannabiskonsum.
Autoren
Anja Meurer,
ginko, Mülheim an der Ruhr