Cannabiskonsum in Deutschland - Kein eindeutiger Trend erkennbar
von Kalke, J., Verthein, U., Stöver, H.
Quelle
2005) Seuche Cannabis? Kritische Bemerkungen zu neueren epidemiologischen Studien. In: Suchttherapie 6, 108-115.
Beschreibung
Von einer Cannabis-Epidemie bzw. einer Seuche Cannabis, wie sie in einzelnen Veröffentlichungen (z.B. Spiegel und Focus) und von Teilen der Fachöffentlichkeit beschrieben wird, kann nach Ansicht der Autoren nicht die Rede sein. Eine kritische Durchsicht der Studien, die in jüngster Zeit als Basis der politischen und fachöffentlichen Diskussion dienten, belegt diese These nicht; ein eindeutiger Trend sei nicht erkennbar.
So weist die im Auftrag der BZgA durchgeführte Drogenaffinitätsstudie einen stabilen Konsumverlauf nach: Die 12-Monats-Prävalenz, die für die aktuelle Situation zum Cannabiskonsum bedeutsamer ist als etwa die (gestiegene) Lebenszeit-Prävalenz, betrug 1997 12% und in den Jahren 2001 und 2004 13%. Die Entwicklung des gegenwärtigen Gebrauchs von Cannabis (gemeint ist der Konsum innerhalb des letzten Monats) ist rückläufig ( 10% im Jahr 1997, 5% in 2001 + 2004).
Im Gegensatz dazu deutet die im Auftrag der Bundesregierung durchgeführte Repräsentativerhebung von 2003 auf einen Anstieg des Cannabiskonsums hin. Demnach lag die 12-Monats-Prävalenz in der Altersgruppe der 18- bis 39jährigen 1997 bei 7% und 2003 bei 12%. Betrachtet man allein die Gruppe der 18- bis 24jährigen ergibt sich eine Zunahme von 13% (1997) auf 23% (2003). Und während die BZgA-Studie ein eher stabiles Einstiegsalter für den Cannabiskonsum zeigt (1997: 16,7 Jahre, 2001: 16,5 Jahre, 2004: 16,4 Jahre), deutet die Repräsentativerhebung auf ein deutliches Absinken des Alters beim Erstkonsum hin.
Verschiedene regionale Studie zeigen, dass es Unterschiede zwischen Stadt- und Landbezirken, aber auch zwischen verschiedenen Städten gibt. So liegt die 12-Monats-Prävalenz in Schleswig-Holstein, das eine liberale Cannabis-Politik verfolgt, bei den 12- bis 25jährigen im Jahr 2004 bei 8%, in Hamburg laut einer Schülerbefragung bei 31%. In Frankfurt a. M. zeigt sich bei den jugendlichen Cannabiskonsumenten hingegen ein abnehmender Trend von 35% (12-Monats-Prävalenz 2002) über 32% (2003) auf 24% (2004).
Auch international variieren die Prävalenzzahlen stark. Zwar nehmen sie in vielen europäischen Ländern zu, doch gibt es auch Länder mit einem stabilen Verlauf wie in den Niederlanden, Schweden, Finnland und Norwegen.
Die angewendeten Methoden betreffend, zweifeln die Autoren vor allem die Bestimmung der Abhängigkeit von Cannabis mittels der Severity-of-Dependence-Skala (SDS) und die korrekte Anwendung des ICD-10 an. Letzterer wird zu häufig von nicht speziell geschulten Personen genutzt, was nach einer Studie des BMGS zu einer Quote von bis zu einem Viertel falsch vergebener Diagnosen führt.
Autoren
Anja Meurer,
ginko, Mülheim an der Ruhr