Einordnung der Suchtvorbeugung in ein Gesamtkonzept zur Gesundheitsförderung
Zehn vorrangige Gesundheitsziele für Nordrhein-Westfalen
Zur Entwicklung
Die Weltgesundheitsorganisation hat im Jahre 1984 die europäische Programmatik "Gesundheit für alle" verabschiedet, die Gültigkeit für alle Mitgliedsstaaten Europas hat. Sie beinhaltet neben den Grundsätzen einer europäischen Gesundheitspolitik die Formulierung von 38 Einzelzielen. Verbunden hiermit war die Aufforderung an die Mitgliedstaaten, diese Ziele im Rahmen ihrer jeweils eigenen Gesundheitspolitik umzusetzen. Während einige, insbesondere die angelsächsischen Länder, in den vergangenen Jahren hier bereits beispielhaft vorangegangen sind, ist in Deutschland - und damit auch in Nordrhein-Westfalen - bisher auf eine entsprechende Ausformulierung von Gesundheitszielen verzichtet worden.
Die Mitgliedschaft im Netzwerk der Weltgesundheitsorganisation "Regionen für Gesundheit", das im Jahre 1992 unter maßgeblicher Beteiligung von Nordrhein-Westfalen gegründet wurde, legte eine weitergehende Orientierung nahe. Denn die Umsetzung der "Gesundheit für alle"- Politik ist Teil des Netzwerkgedankens.
Darüber hinaus ist aber die Formulierung von Gesundheitszielen auch für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens und die Diskussion um die Gesundheitsreform von hochaktueller Bedeutung. Mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit im Bereich der gesundheitlichen Versorgung lassen sich nur dann verwirklichen, wenn zukünftig die Ergebnisorientierung stärker in den Mittelpunkt rückt. Voraussetzung für eine solche Ergebnisorientierung sind die Festlegung klarer Ziele, die Evaluation des Erreichten und eine transparente Gesundheitsinformation und Gesundheitsberichterstattung.
Bei der Formulierung solcher Gesundheitsziele sind globale Schwerpunkte zu setzen und zugleich Einzelziele festzulegen, wegen ihrer Verwirklichung zu verabreden und die Aufgaben an die Beteiligten im Gesundheitssystem je nach ihrer Verantwortung und Zuständigkeit zu verteilen. In unserem gegliederten und selbstverwalteten Gesundheitssystem können Ziele nur gemeinsam mit allen Beteiligten vereinbart und umgesetzt werden.
Seit 1993 hat die Landesgesundheitskonferenz Nordrhein-Westfalen bzw. ihr Vorbereitender Ausschuß über Gesundheitsziele für unser Land, ihre Inhalte und ihren Charakter, intensiv diskutiert. Die Landesgesundheitskonferenz 1994 faßte bereits einen Beschluß, der die inhaltlichen Bereiche der Ziele festlegte und die gesundheitspolitische Bedeutung der Ziele definierte.
Die Gesundheitsziele sollten:
- die Verzahnung der Gesundheitspolitik mit anderen Politikfeldern fördern können
- die Effizienzkontrolle eingesetzter Ressourcen verbessern undPrioritäten für die Entwicklung langfristiger Perspektiven der Gesundheitspolitik definieren,
- ein gemeinsames Verständnis der Partner im Gesundheitswesen über die Zielrichtung von Gesundheitspolitik als Grundlage für die Zusammenarbeit schaffen.
Die Landesgesundheitskonferenz 1995 hat die "Zehn vorrangigen Gesundheitsziele für Nordrhein-Westfalen" nach intensiven Beratungen verabschiedet.
Mit diesem komplexen Abstimmungsprozeß hat Nordrhein-Westfalen - auch im bundesweiten Vergleich - Neuland betreten. Auch wenn mit dem nunmehr veröffentlichten Zielekatalog in zentralen Feldern der Gesundheitspolitik in Nordrhein-Westfalen bereits ein breiter Konsens mit den Beteiligten im System der gesundheitlichen Versorgung erreicht werden konnte, so sind die "Zehn vorrangigen Gesundheitsziele" damit noch keineswegs ein fertiges Werk.
Im ersten Anlauf zum Zielekatalog ist vielmehr eine wichtige Zwischenstation erreicht worden. Der Weg ist aber noch nicht vollständig zurückgelegt, die Arbeit noch nicht abgeschlossen. Verfeinerung und Fortschreibung werden folgen. Im Mittelpunkt werden dabei zu gegebener Zeit nicht nur die qualitativen und quantitativen Zielsetzungen stehen, sondern auch die zentralen Handlungsfelder ihrer Umsetzung und die Evaluation der Ergebnisse. Das hierfür notwendige Instrumentarium wird zu bestimmen, die Benennung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Beteiligten werden näher zu benennen sein.
In Zukunft wird das Land noch verstärkt darauf drängen, die Erkenntnisse und Erfahrungen solcher europäischen Länder einzubeziehen, die bereits Erfahrungen mit der Umsetzung gesundheitspolitischer Ziele gesammelt haben. Dazu ist ein internationaler Erfahrungsaustausch vorgesehen.
- NRW-Ziel 1:
Herz-Kreislaufkrankheiten reduzieren
(HFA-Ziel 9 in Kap. "Für eine bessere Gesundheit")
- NRW-Ziel 2:
Krebs bekämpfen
(HFA-Ziel 10 in Kap. "Für eine bessere Gesundheit")
- NRW-Ziel 3:
Rahmenbedingungen zur Förderung der Gesundheit
(HFA-Ziel 14 in Kap. "Gesundheitsförderliche Lebensweise")
- NRW-Ziel 4:
Tabak, Alkohol und psychoaktive Substanzen
(HFA-Ziel 17 in Kap. "Gesundheitsförderliche Lebensweise")
- NRW-Ziel 5:
Umwelthygiene-Management
(HFA-Ziel 19 in Kap. "Gesunde Umwelt")
- NRW-Ziel 6:
Primäre Gesundheitsversorgung
(HFA-Ziel 28 in Kap. "Bedarfsgerechte Versorgung")
- NRW-Ziel 7:
Krankenhausversorgung
(HFA-Ziel 29 in Kap. "Bedarfsgerechte Versorgung")
- NRW-Ziel 8:
Bürgernahe Dienste für besondere gesundheitliche Bedürfnisse
(HFA-Ziel 30 in Kap. "Bedarfsgerechte Versorgung")
- NRW-Ziel 9:
Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich
(HFA-Ziel 32 in Kap. "Entwicklungsstrategien")
- NRW-Ziel 10:
Unterstützung durch Gesundheitsinformation
(HFA-Ziel 35 in Kap. "Entwicklungsstrategien")
Nordrhein-Westfalen unternimmt mit der Verabschiedung von 10 vorrangigen Gesundheitszielen einen Schritt in Richtung größerer Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Landesgesundheitspolitik. Die Gesundheitsziele sollen dazu beitragen:
- Gesundheitspolitik zu strukturieren und die Verzahnung mit anderen Politkfeldern zu gewährleisten,
- Prioritäten für die Entwicklung langfristiger Perspektiven in der Gesundheitspolitik zu fördern,
- eine verbesserte Effizienzkontrolle eingesetzter Ressourcen zu ermöglichen und
- ein gemeinsames Verständnis der verschiedenen Partner für die Zielrichtung von Gesundheitspolitik als Grundlage für die Zusammenarbeit zu schaffen.
Der kooperative Prozeß der Entstehung dieser Ziele steht symbolisch auch für das, was den Umsetzungsprozeß dieser Gesundheitsprogrammatik ausmachen -ja mehr noch: ganz elementar erst ermöglichen wird: für die Entwicklung einer in Qualität und Umfang im nordrheinwestfälischen Gesundheitswesen neuartigen gemeinsamen Aktion zwischen den Leistungsträgern, den Verantwortlichen der Gesundheitspraxis, den gesellschaftlichen Interessenvertretungen, der Wissenschaft und der Gesundheitspolitik aller Ebenen im Land.
Das Modell einer solchen zukunftsweisenden Zusammenarbeit ist eine notwendige Antwort auf drängende aktuelle und zukünftige Problemstellungen im Gesundheitswesen, wie u.a.:
- Erfordernis einer weiteren Verbesserung von Gesundheitsförderung und Versorgung im Krankheitsfalle unter immer komplexer werdenden Lebensbedingungen und Handlungsmöglichkeiten;
- Optimierung des Einsatzes aller verfügbaren Personalressourcen und Sachmittel unter den Vorgaben bedarfsgerechter und wirtschaftlicher Maßnahmen im Gesundheitswesen durch Einsatz von Verfahren der Evaluation und Erfolgsmessung;
- Weiterentwicklung der Strukturen in denLeistungsbereichen und Organisationen des Gesundheitswesens durch Betonung und Umsetzung der Prinzipien Verzahnung, Kooperation, Kommunikation, Synergie, Systemtransparenz und -öffnung;
- Einführung wettbewerbsorientierter Elemente in Bereiche, wo diese leistungssteigernde und innovationsfördernde Effekte versprechen;
- Einführung verbindlicher und konsensualer Qualitätsmerkmale für Gesundheitsdienstleistungen sowie für Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung;
- Erhöhung der Transparenz des Leistungsangebots im Gesundheitswesen für Betroffene und Kranke;
- Verbesserung von Patienteninformation und Verbraucherschutz;
- Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Nichtprofessionellen, um bestmögliche Situationen für Betroffene und Kranke zu schaffen;
- Förderung partizipativer Ansätze bei Planungsentscheidungen und -umsetzungen.
Nordrhein-Westfalen setzt mit einem solchen Ansatz und mit der Gestaltung eines Steuerungsinstruments i.S. vorrangiger Gesundheitsziele zum einen die von allen europäischen Mitgliedsstaaten getragene Programmatik "Gesundheit für alle" des Regionalbüros für Europa der Weltgesundheitsorganisation um. Zum anderen reiht sich die vorliegende Programmatik ein in ein Spektrum vergleichbarer internationaler Bemühungen von Staaten und Regionen, ihr Gesundheitswesen zielorientiert an die mittelfristigen Anforderungsstrukturen der Zukunft heranzuführen.
Daß Nordrhein-Westfalen als erstes deutsches Bundesland eine auf der Formulierung nach Gesundheitszielen aufbauende gesundheitspolitische Programmatik vorlegt, entspricht der konsequent innovativen Linie, die das Land im Bereich der zukunftsorientierten Entwicklung seines Gesundheitswesens seit längerem generell und in vielen Einzelaspekten verfolgt.
Die nachfolgend dargelegte Ausarbeitung stützt sich in wesentlichen Konstruktionsmerkmalen auf das Vorbild der 38 Einzelziele der WeItgesundheitsorganisation in der aktualisierten Fassung von September 1991. Um ein solch komplexes Vorhaben, wie es die Erarbeitung einer gesundheitszielorientierten Programmatik für eine Region darstellt, zu ermöglichen, liegen dem vorliegenden Papier zunächst folgende Entscheidungen zugrunde:
- Reduzierung der Zieleanzahl von 38 WHO-Einzelzielen auf 10 vorrangige NRW-Ziele,
- vorläufige Zurückstellung quantifizierter Zielaussagen bei sämtlichen NRW-Einzelzielen,
- Verzicht auf eine abschließend festgelegte Auswahl zielassoziierter Indikatoren in dieser Erstausgabe.
Gleichzeitig weist die NRW-Gesundheitszielprogrammatik für den regionalen Entwicklungsstand der Region charakteristische zusätzliche Elemente auf:
- Konsensual erarbeitete Situationseinschätzungen und Lösungsempfehlungen für Einzelziele aus den Landesgesundheitskonferenzen 1992 bis 1994 (NRW-Ziele 3, 5, teilweise 6 bzw. 8);
- Hinweise auf zielorientierte Einzelaktivitäten und -planungen im Land Nordrhein-Westfalen, auch mit wesentlicher Beteiligung der Landesregierung;
- Querverweise inhaltlicher Art auf die NRW Gesundheitsberichterstattung (Gesundheitsreports 1990 und 1994);
- Hinweise auf Indikatorbezüge zu anderen Indikatorensätzen (Indikatorensätze desWHO Programms Health for All/ HFA und der bundesdeutschen Gesundheitsministerkonferenz/GMK).
Als weitere besondere Konstruktionsmerkmale der NRW-Ziele sind hervorzuheben:
- Die zeitliche Orientierung (".. bis zum Jahr 2005") der NRW-Gesundheitsziele lehnt sich an entsprechende Intervallvorgaben vergleichbarer Zielprogrammatiken anderer Regionen an.
- Die NRW-Zielreihenfolge stellt keine Rangfolge der Gewichtung dieser Ziele dar
- sie ergibt sich vielmehr aus der Reihung der 38 Einzelziele der Weltgesundheitsorganisation.
Änderungswünsche hinsichtlich der Reihenfolge der Ziele wurden verworfen, um die Übersichtlichkeit der Anordnung und den Bezug auf das im internationalen Konsens erarbeitete und anerkannte WHO-Konzept zu erhalten. Die Nähe zu den Strukturen der "Health for all"-Programmatik soll die Möglichkeit des internationalen Austausches unterstützen, die für eine erfolgreiche Umsetzung und Fortschreibung des NRW-Zielekonzeptes von besonderer Bedeutung sein wird und vor allem die Relevanz im europäischen Integrationsprozeß erhöht.
- Di Kriterien für Umfang und Auswahl der NRW-Ziele leiteten sich einerseits aus der Absicht ab, aus jedem der fünf Abschnitte der WHO-Zielprogrammatik wenigstens ein NRW-Ziel zu formulieren, andererseits unter dieser Vorgabe möglichst NRW-relevante Themen zu benennen.
- Die Einschränkung auf 10 NRW-Ziele wurde trotz vielfacher Wünsche und Überlegungen hinsichtlich einer Erweiterung dieser Anzahl beibehalten, um nicht den ersten Schritt in die zielorientierte Programmatik durch zu große Komplexität und einen zu breit gespannten thematischen Bogen zu gefährden.
- Nicht berücksichtigte WHO-Health for all-Ziele von großer Aktualität und Relevanz für die nordrhein-westfälische Situation, wie beispielsweise die Verbesserung der Situation chronisch Kranker (HFA-Ziel 4) und behinderter Menschen (HFA-Ziel 3), die Herstellung von Chancengleichheit im Gesundheitsbereich (HFA-Ziel 1), werden als Querschnittthemen aufgefaßt und sind an passenden Stellen der NRW Auswahl als Unterpunkte berücksichtigt worden.
- Inhaltliche Überschneidungen zwischen den 10 NRW-Einzelzielen sind durch die Auswahl aus den fünf "Health for all"- Abschnitten vorprogrammiert. Sie wurden im vorliegenden Text bewußt belassen, da für jedes Einzelziel eine eigene Aussagefähigkeit auch ohne den Kontext der übrigen Ziele angestrebt wird. Dies soll die zukünftig erforderlich werdende Fachdiskussion zu den Einzelzielen erleichtern.
- Die inhaltliche Gliederung der Einzelziele lehnt sich an den vom "Health for al1" Programm gewohnten Aufbau an: dem Zielkurztext wird eine "Konkretisierung" der Unterziele nachgestellt. In weiteren Abschnitten werden der "Hintergrund" i.S. einer Schilderung der Ausgangsbedingungen im Zielbereich und ein "Lösungsansatz" zur Zielerreichung dargestellt. Es schließen sich Angaben über Schwerpunktaktivitäten in Nordrhein-Westfalen und Hinweise auf die NRW-Gesundheitsberichterstattung (entsprechende Gesundheitsreportkapitel) und Gesundheitsstatistik (vorläufige Indikatorauswahl) an.
- Im Verlauf der zu gegebener Zeit beabsichtigten Überarbeitungen der NRW-Ziele soll auch eine modifizierte Struktur im Aufbau der Einzelziele geprüft werden. Unter der Voraussetzung, daß sich geeignete Aussagen zu Einzelzielen zukünftig quantifizieren lassen werden, ist an einen systematischen Aufbau der Zieletexte zu denken, der für die zu erarbeitenden Evaluationsergebnisse aufnahmefähig ist. Die Fortschreibung der NRW-Zielprogrammatik sollte in diesem Sinne Teilprodukt eines umfassenderen Informationssystems werden, welches kontinuierlich, umfassend und für alle Beteiligten zugänglich den aktuellen Leistungs- und Planungsstand im nordrhein-westfälischen Gesundheitswesen widerspiegelt (s.u.).
- Literaturangaben und Verweise auf Modell- und Forschungsprojekte bzw. andere flankierende Informationen sind einerseits ein obligatorisches Werkzeug zur Erarbeitung und Vertiefung der in den Zieltexten behandelten Themen. In diesem Sinne war zunächst eine (notgedrungen unvollständige) Beigabe dieser Angaben im Anhang der Erstfassung der NRW-Ziele vorgesehen. Die Diskussion des Vorentwurfs führte aber zum Verzicht auf dieses Vorhaben. Vielmehr wird geprüft, für diesen Bereich ein kontinuierliches, möglichst interaktiv handhabbares Komrnunikationsmittel in Zusammenhang mit der Umsetzung der NRW-Ziele zu entwickeln. Damit könnte gewährleistet werden, daß einseitige Auswahlkriterien und Dominierungen in solchen Verzeichnissen kein kooperationshinderndes Gewicht bekommen.
- Die hier vorgelegte Erstfassung vorrangiger NRW-Gesundheitsziele ist fortschreihungsfähig und stellt den ersten Schritt einer stufenweisen Entwicklung von NRW-Gesundheitszielen dar.
- Die Möglichkeit zur Fortschreibung bezieht sich sowohl auf die Anzahl der NRW-Ziele und der benannten Unterziele, auf die Entwicklungstiefe der Einzelziele, auf die Notwendigkeit, möglichst quantitative, evaluierbare Zielvorgaben zu erstellen, wie auch auf die Entwicklung angemessener Organisations- und Kooperationsformen zur Einleitung bzw. Gewährleistung der Zielumsetzung im gesetzten Zeitrahmen.
Tabak, Alkohol und psychoaktive Substanzen
(Grundlage HFA 17)
Bis zum Jahr 2005 sollen die Chancen in NRW, ein suchtfreies Leben führen zu können, deutlich erhöht werden. Dazu gehören u.a. Anstrengungen, den risikoreichen Konsum psychoaktiver Substanzen - wie z.B. Alkohol, Tabak und illegale Drogen - zu verringern.
Die Ausführungen gelten mit Ausnahme der repressiven Ansätze für alle stofflichen und nicht-stofflichen Süchte, unabhängig davon, ob diese als legal oder illegal qualifiziert sind.
- Praxisumsetzung von ursachenorientierten statt stoffbezogenen Konzepten zur Reduzierung der Nachfrage basierend auf einem persönlichkeitsstärkenden Ansatz. Einschränkung bzw. Bekämpfung der Herstellung, der Einfuhr und des Handels auf Reduzierung des Angebotes abzielend
- Komplettierung des landesweiten Präventionsnetzes, verstärkte Einbeziehung aller relevanten gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen
- Ausbau regionaler Netzwerke
- Intensivierung der landesweiten Präventionsaktivitäten in den Bereichen Eltern-/Familienarbeit, Kindergarten, Schule, Beruf/Arbeit, Freizeit und bezüglich bestimmter Risikogruppen (insbes. bei Jugendlichen) u.a. durch verstärktes Angebot von Raucherentwöhnungsprogrammen
- Etablierung eines angemessenen Suchtverständnisses in der Bevölkerung durch intensive Öffentlichkeitsarbeit
- Beiträge zur Förderung gesunder Lebensbedingungen, Stärkung der Persönlichkeit, Aufzeigen genußvoller Alternativen zum Konsum
- Umsetzung der Gesetze zur Verbrechensbekämpung auf allen Ebenen der Repression (Bezug: OrgKG)
- Initiativen zur Erreichung eines Opportunitätsprinzips schon für die Ebene der Polizei
Prüfung der Trennung der Märkte "harter" und "weicher" illegaler Drogen.
- Ausbau und Komplettierung regionaler Hilfenetzwerke
- Ausweitung niedrigschwelliger Angebote i.S. eines grundsätzlich erleichterten Zugangs zum System der Hilfen
- Bedarfsdeckung im Bereich qualifizierter Einzugsbehandlung mit niedrigschwelligem Zugang
- Flächendeckende Einbeziehung von Soforthilfeangeboten in die Netze vor Ort
- Weitere Differenzierung im Feld stationärer Entwöhnung; Einführung von Zwischenformen (Orientierungshäuser, Kurztherapien); Entwicklung und Umsetzung von Konzepten für bestimmte Zielgruppen (z.B. Kinder und Jugendliche, Frauen, Mütter mit Kind)
- Stärkung der Nachsorge
- Verbesserung der Kooperation und Koordination im sich differenzierenden Angebot der Hilfen; Offenheit hinsichtlich weiterer notwendiger Komponenten
- Flächendeckende Sicherstellung differenzierter Substitutionsbehandlung.
Sucht, Suchtmittel und ihre Folgen stehen als Dauerthema immer wieder in besonderem Interesse - sowohl in der Öffentlichkeit wie in Fachkreisen.
Das öffentliche Interesse weist eine bemerkenswerte Ambivalenz auf, weil sich hier verschiedenste Emotionen und Bewertungen gegenüber den dramatischen Ausdrucksformen von Sucht beim Mißbrauch illegaler Drogen (der anderen) paaren mit einer oft ganz entgegengesetzten Wahrnehmung der eigenen Abhängigkeiten und Süchte - in der Regel von den Alltagsdrogen Nikotin und Alkohol oder auch von nichtstoffgebundenen Suchtformen unseres Kulturkreises. Aufgrund dieser Verhältnisse wird das Suchtproblem verzerrt wahrgenommen, und es bedarf einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit, um Akzeptanz für die notwendigen Maßnahmen zu erreichen.
Die Unsicherheiten entstehen durch die bei vielen Suchtmitteln (z. B. Alkohol, Medikamente) unscharfen Abgrenzungsmöglichkeiten zwischen Gebrauch und Mißbrauch. Eine ebenfalls oft nicht nachvollzogene Grenze liegt zwischen den auf legale und illegale Substanzen bezogenen Süchten. Zusätzlich ist die Palette erreichbarer Suchtmittel groß, teilweise verwirrend, und die suchtrelevante Wirkung einzelner Substanzen ist nicht immer zuverlässig einschätzbar und bisweilen individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Hinzu kommt die Vielfalt wissenschaftlicher Erklärungsansätze für Suchtphänomene und die im Zusammenhang damit entstandene Erkenntnis, daß es nur selten eine durch eine einzige Ursache bedingte Suchtentstehung gibt - meistens sind mehrere Verursachungsfaktoren zu identifizieren. Zusätzlich liegt im sozioökonomischen Bereich eine weitere, ebenfalls nicht zu unterschätzende Ambivalenz. Sie ergibt sich daraus, daß die Herstellung bzw. Erzeugung von Suchtmitteln, insbesondere in Tabakindustrie, im Brauerei- und Brennereiwesen sowie in den Weinanbaugebieten mit ihrem volkswirtschaftlichen Ertrag einer gravierenden Schadensbilanz durch eben diese Erzeugnisse gegenübersteht -materiellen und nicht-materiell zu fassenden Folgen.
Abgeleitet aus der dargestellten Problemsituation ergeben sich für die einzuschlagenden Näherungswege in Richtung Problemlösung einige unabweisbare Einsichten:
- Sucht ist Krankheit. Kranke bedürfen der Hilfe. Bei der Situation im Bereich der illegalen Drogen müssen die repressiven Ressourcen auf die Bekämpfung des organisierten Handels gerichtet werden. Es geht um eine Rücknahme des "legal approach" bei gleichzeitiger Stärkung des gesundheits- und sozialpolitischen Ansatzes.
- Veränderungen sind überwiegend nur als Folge langfristiger Gegensteuerungen zu erwarten: Die Lösung der vielfältigen Suchtprobleme muß daher ebenso langfristig angelegt sein.
- Bei der multikausalen Entslehung von Sucht und den großen Unterschieden in der individuellen Suchtentstehungsgeschichte bei Gefährdeten sowie Betroffenen müssen auch die präventiven und kurativen Maßnahmen eine entsprechende Vielfalt der Lösungsansätze aufweisen.
- Angesichts der Breite des Problemfeldesund der Begrenztheit verfügbarer Ressourcen ist eine rationale und in ihren Effekten überprüfbare Priorisierung unter den anzugehenden Problemfeldern im Bereich der Suchtphänomene zwingend geboten.
- Zur erfolgreichen Intervention und Prävention im Praxisbereich "Abhängigkeiten und Sucht" bedarf es kontinuierlicher und innovativer Impulse aus Wissenschaft und Forschung. Dabei geht es um gezielte, anwendungskoordinierte Beiträge aus dem multidisziplinären Public-Health-Sektor von Universitäten und anderen Einrichtungen. Besonders gefragt sind einerseits differenzierte Untersuchungen zu praxisrelevanten Merkmalen der verschiedenen Sucht- bzw. Abhängigkeitsformen und Suchtmitteln, andererseits methodische Arbeiten zu Umsetzungs und Evaluations-aufgaben i.S. konkreter Praxisbegleitforschung.
Nordhrein-Westfalen weist in den verschiedenen Bereichen seiner Aktivitäten zur Suchtprävention und Suchtkrankenhilfe Ansätze einer solchen Priorisierung auf. Gemeint sind einerseits diejenigen Aktivitäten im Bereich der Kommunen, der Kreise, der freien Wohlfahrtspflege bzw. sonstiger freier Träger, die sich in der Regel am Bedarf in der Region orientieren, die den Einzugsbereich für die jeweiligen Einrichtungen darstellt. Dieser Bedarf ist sicherlich im Bereich der Suchttherapie einfacher zu evaluieren als im Bereich der Suchtprävention. In beiden Bereichen wäre ein abgestimmtes Vorgehen zwischen den unterschiedlichen Leistungsträgern erstrebenswert, welches sich auf regionale Evaluationsergebnisse der erbrachten Leistungen und auf die Resultate einer kommunalen Gesundheitsberichterstattung stützen kann. Diese Entwicklung sollte aufbauen auf bewährten Kooperationen vor Ort (z.B. zwischen Drogenberatungsstellen, niedergelassenen Ärzten/-innen, Krankenhäusern der Regelversorgung, Fachkliniken der Region, Selbsthilfegruppen, Nachsorgeeinrichtungen).
In der Politik der Landesregierung hat die Priorisierung in den einzelnen Bereichen zu Programmen (Landesdrogenprogramm 1989 und Fortschreibung) geführt, die in diesem Teilbereich die Basis für die weitere Entwicklung in NRW darstellen. Diese Basis sollte zukünftig einer Evaluation zugänglich gemacht werden.
Für die dargestellten Lösungsansätze gibt es in der nordrhein-westfälischen Suchtpolitik bereits zahlreiche Anknüpfungspunkte, die im Sinne des Lösungsansatzes weiterentwickelt und zusammengeführt werden können. Dabei beinhaltet die auf drei Säulen beruhende Suchtpolitik des Landes neben den Bereichen Prävention und Hilfen auch den Bereich der Repression.
Im Bereich der Suchtprävention besteht inzwischen ein breiter Konsens darüber, daß man von der Drogen- zur Suchtprävention gelangen muß. Diese ist ursachenorientiert und persönlichkeitsstärkend angelegt und zielt auf die Stärkung der individuellen Handlungsmöglichkeiten. Hierfür sind 96 Prophylaxefachkräfte in 30 Fachstellen aktiv. Darüber hinaus trägt die erfolgreiche Kampagne "Sucht hat immer eine Geschichte" zu einem besseren Suchtverständnis in der Bevölkerung bei.
Im Bereich der Hilfen reicht ein differenziertes Angebotsspektrum von niedrigschwelligen Kontaktangeboten, speziellen Soforthilfen über qualifizierte Entzugsbehandlungen bis zu unterschiedlichen Formen stationärer Therapien.
Als wichtige Ergänzung des Gesamtangebots sind die Substitutionsbehandlungen zu nennen. Die Methadonvereinbarung NRW, die von vielen Beteiligten und zahlreichen Kommunen unterzeichnet worden ist, ist eine Basis zur einvernehmlichen Weiterentwicklung und Integration dieser Behandlungsmethode gemeinsam mit allen Beteiligten.
Für die Behandlung aller Süchte hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß dem vielfältig bedingten Problem Sucht am geeignetsten mit einem breit gefächerten Hilfeangebot begegnet werden kann.
Die Zielrichtung der Weiterentwicklung von Prävention und Hilfe ist der weitere Ausbau integrierter regionaler Netze. Diese sollen die enge Kooperation aller Beteiligten ebenso gewährleisten wie den Betroffenen einen gemeindenahen Zugang.