Drogen- und Suchtbericht 2001 Bundesministerium für Gesundheit
Stand: April 2002
Presseerklärung
Vorbeugen. Verhindern. Helfen. Prävention ist der Anfang einer effektiven Drogen- und Suchtpolitik
Anlässlich der Vorstellung des aktuellen Drogen- und Suchtberichtes erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk:
"Wir müssen die Drogen- und Suchtpolitik noch stärker auf die Prävention ausrichten, denn rechtzeitiges Vorbeugen ist besser als ein später Ausstieg aus der Sucht. Prävention hilft dabei doppelt: zuerst hilft es dem Einzelnen, denn er wird gar nicht erst süchtig. Dann hilft es der Gesellschaft, denn es müssen weniger Suchtkranke versorgt werden.
Prävention soll verhindern, dass eine Abhängigkeit entsteht oder einen frühzeitigen Ausstieg aus einem bereits bestehenden Suchtverhalten bewirken. Wir müssen deshalb sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene früher erreichen. Wir müssen unsere Kinder stark machen, damit sie mit Problemen und Konflikten umzugehen lernen, ohne zu Suchtmitteln zu greifen. Es muss "cool" sein, Nein zu sagen. Um Jugendliche zu erreichen, müssen wir auch das Internet nutzen und wir brauchen positive Vorbilder aus den Medien und dem Sport. Wir müssen eine Kultur des Hinguckens entwickeln: Jedes fünfte Bett in deutschen Krankenhäusern ist ein 'Suchtbett', jeder zehnte Arztbesuch ist ein 'Sucht-Besuch'. Wir müssen auch neue Finanzressourcen erschließen, denn Prävention gibt es nicht zum Nulltarif.
Die bewährten und neuen Maßnahmen zur Therapie und Überlebenshilfe müssen wir zudem weiter stärken. Der Rückgang der Anzahl an Drogentoten im vergangenen Jahr zeigt deutlich: unsere Modernisierung der Überlebenshilfe greift! Denn nur wer überlebt kann aussteigen. Deshalb ist es richtig, dass wir die Drogenkonsumräume auf eine solide rechtliche Grundlage gestellt haben, dass wir die Methadonsubstitution gefördert haben und dass wir das Modellprojekt für eine heroingestützte Behandlung Schwerstabhängiger begonnen haben. Aber sind wir ehrlich: die schädlichsten Suchtmittel sind Alkohol und Nikotin. Jeder 4. Todesfall von jungen Erwachsenen unter 25 Jahren steht in Europa im Zusammenhang mit einem alkoholbedingten Verkehrsunfall! Deshalb haben wir einen weiteren Schwerpunkt auf die legalen Suchtmittel gelegt."
Der heute vorgelegte Drogen- und Suchtbericht beschreibt die wichtigsten Vorhaben in diesem Bereich und stellt verschiedene Maßnahmen dar, wie Suchtprobleme effektiver aufgegriffen werden können.
Zum ersten Mal werden deshalb einzelne Projekte vorgestellt, die im Laufe des Jahres 2001 besucht oder mit deren Vertretern Gespräche geführt wurden. Dadurch wird die Vielfalt von Ansätzen und Angeboten in der Drogen- und Suchtkrankenhilfe deutlich. Natürlich handelt es sich dabei um eine kleine, aber exemplarische Auswahl von Projekten. Sie stehen selbstverständlich stellvertretend für viele andere, die qualifizierte und engagierte Hilfe für Suchtkranke in Deutschland anbieten.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk erklärt abschließend:
"Wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Die in der Koalitionsvereinbarung festgelegten Maßnahmen wurden alle umgesetzt. Und dennoch bleibt eine erfolgreiche Drogen- und Suchtpolitik eine gesamtgesellschaftliche und eine politische Herausforderung."
Welche Ziele wurden gesetzt? (nach oben)
Die Ziele der Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung für den Umgang mit Suchtmitteln sind vor allem:
- den Beginn des Konsums zu verhindern oder hinauszuzögern,
- hochriskante Konsummuster frühzeitig zu reduzieren,
- eine Abhängigkeit mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten von der Abstinenz - bis zur medikamentengestützten Therapie zu behandeln.
Dabei steht die Drogenpolitik der Bundesregierung heute auf den vier Säulen:
- Prävention - Therapie - Überlebenshilfen - Repression und Angebotsreduzierung -
Die Prävention wird gestärkt! (nach oben)
Suchtprävention soll verhindern, dass eine Abhängigkeit von einer psychoaktiven Substanz entsteht oder gesundheitliche, soziale oder psychische Schäden in der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen eintreten.
Suchtprävention ist auch ökonomisch unverzichtbar, denn ein frühzeitiges Verhindern bleibender Gesundheitsschäden erspart ernorme Kosten im Gesundheitswesen für die Behandlungen einer Suchterkrankung und ihrer Folgen. Unsere Gesellschaft kann es sich langfristig nicht leisten, im Rahmen der bestehenden Sozialversicherungssysteme die späte Behandlung von Folgeschäden einer Suchterkrankung dauerhaft zu finanzieren. Was tun wir hierfür?
Voneinander Lernen fördern (nach oben)
Der Wettbewerb "Vorbildliche Strategien der kommunalen Suchtprävention" wurde erfolgreich durchgeführt. Es wurden 220 innovative Beiträge aus Städten, Kreisen und Gemeinden eingereicht. Die Prämierung der 10 Preisträger erfolgt durch die Bundesgesundheitsministerin am 24. Juni 2002 in Berlin. Die eingereichten Beiträge zeigen, welche guten Ideen und Beispiele in der kommunalen Suchtprävention bestehen. Die Beiträge werden im Internet unter www.kommunale-suchtpraevention.de veröffentlicht, um Anregungen für neue Projekte zu geben.
Neue Finanzressourcen erschließen(nach oben)
Im März diesen Jahres konnte der Vertrag zwischen dem Bundesgesundheitsministerium und der Zigarettenindustrie unterschrieben werden. Die Zigarettenindustrie hat sich hierdurch verpflichtet innerhalb der nächsten fünf Jahre 11,8 Mio. Euro für Präventionsmaßnahmen, die sich an Kinder und Jugendliche richten, zur Verfügung zu stellen. Der Vertrag ist ein erstes Etappenziel, die Verursacher mit in die Verantwortung zu nehmen. Der Vertrag kann unter www.bmgesundheit.de heruntergeladen werden.
Neue Wege in der Präventionsarbeit nutzen (nach oben)
Pünktlich zur Loveparade 2001 ging das neue Internetportal www.drugcom.de ans Netz. Dieses Angebot richtet sich an Jugendliche, die bereits Drogenerfahrungen haben. Es soll z.B. mit Hilfe von Tests dazu anregen das eigene Konsumverhalten zu überprüfen. In einem pädagogisch betreuten Chat können sich Jugendliche anonym Rat und Unterstützung holen. Die Zugriffszahlen liegen im ersten Jahr bereits bei fast 500 täglichen Nutzern. Am 23.4.2002 hat drugcom einen 1. Preis beim TV-Movie-Award in der Themensparte "Information" gewonnen.
Alkoholkonsum senken - Nichtraucherschutz erhöhen (nach oben)
Wir wollen eine Veränderung des Konsumverhaltens bei Tabak und Alkohol. Deshalb wurden verstärkt Maßnahmen auf den Weg gebracht, die den Schutz von Nichtrauchern erhöhen und den Alkoholkonsum senken sollen. Bei Jugendlichen gilt es den Einstieg mindestens hinauszuzögern, besser zu verhindern, denn die wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, dass Nichtrauchen der beste Schutz ist später nicht auf andere -illegale- Suchtmittel umzusteigen.
- Am 1. Januar diesen Jahres ist das sogenannte "Apfelsaftgesetz" in Kraft getreten. Jeder Gastwirt muss jetzt ein alkoholfreies Getränk anbieten, das billiger ist als das günstigste alkoholhaltige Getränk. Diese Maßnahme hat insbesondere Einfluss auf das Verhalten von Jugendlichen, da diese über wenig Geld verfügen und in Kneipen und Diskotheken meist das billigste Getränk wählen.
- Alkohol ist immer noch die Hauptursache für die hohe Zahl der Verkehrsunfälle. Deshalb wurde die Promillegrenze für das Fahren unter Alkoholeinfluss bereits im vergangenen Jahr von 0,8 auf 0,5 Promille gesenkt.
- Im April 2002 hat das Kabinett eine Änderung der Arbeitsstättenverordnung beschlossen. Nach der Verabschiedung im Bundesrat kann die Verordnung sofort in Kraft treten. Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer wird dann einen Anspruch auf einen rauchfreien Arbeitsplatz haben.
- Die Tabaksteuer wurde zum 1. Januar 2002 erhöht. Diese Maßnahme dient auch der Senkung des Tabakkonsumes.
- Die Verabschiedung der Novellierung des gesetzlichen Jugendschutzes, in der u.a. ein Abgabeverbot von Tabakwaren an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sowie eine Zugangserschwerung zu Zigarettenautomaten für diese Altersgruppe vorgesehen ist, ist noch in dieser Legislaturperiode vorgesehen.
Hilfen für besondere Zielgruppen anbieten (nach oben)
Die Suchtbehandlung in Deutschland ist qualitativ gut und effektiv. Wer eine Therapie für Alkoholkranke macht, schließt sie zum weit überwiegenden Teil erfolgreich ab, bleibt über Jahre abstinent und findet häufig auch wieder einen Arbeitsplatz. Therapien für Heroinabhängige sind ebenfalls erfolgreich. Es gibt aber besondere Risikogruppen und die werden oft gar nicht oder schlecht erreicht.
- Kinder von suchtkranken Eltern sind besonders gefährdet. Allein 1,8-2 Mio. Kinder im Alter bis zu 18 Jahren müssen mit der Alkoholabhängigkeit eines oder beider Elternteile leben. Untersuchungen belegen die traurige Tatsache, dass etwa 30% dieser Kinder selbst suchtkrank werden. Mittlerweile gibt es im Bundesgebiet einige Projekte, die besondere Angebote für Kinder von Suchtkranken machen. Zusätzlich fördert das Bundesministerium für Gesundheit zur Zeit eine Studie, die Vorschläge unterbreiten wird, wie Kinder von Suchtkranken durch Suchthilfeeinrichtungen besser erreicht werden können.
- Die hohe Zahl von Drogentodesfällen unter jungen Aussiedlern ist bereits im letzten Jahr aufgefallen. Die beste Prävention ist eine erfolgreiche Integration. Deshalb fördert das Bundesministerium des Innern zahlreiche wohnumfeldbezogene Maßnahmen. An elf Standorten werden Modellmaßnahmen zur Suchtprävention, insbesondere für jugendliche Aussiedler, gefördert. Hierbei werden mittels gezielter sozialpädagogischer Betreuungsprojekte drogengefährdete bzw. -abhängige Aussiedler ermutigt, Beratungsstellen mit niedrigschwelligen Angeboten aufzusuchen und Behandlungs- bzw. Nachsorgemaßnahmen wahrzunehmen. Darüber hinaus wurde ein Weiterbildungsangebot zur fachgerechten Ansprache dieser Zielgruppe entwickelt, das jetzt in 10 Städten in Deutschland umgesetzt wird. Zusätzlich wird Informationsmaterial und ein Beratungsvideo in russischer Sprache bereitgestellt.
Überlebenshilfen ausbauen (nach oben)
Die Drogentodesfälle sind in Deutschland gesunken. Im Jahr 2001 verstarben in Deutschland insgesamt 1.835 Menschen infolge ihres Drogenkonsums. Das sind 9,6 % weniger als im Vorjahr. Nach einem kontinuierlichen Anstieg der Anzahl der Drogentoten in den letzten drei Jahren ist erstmals wieder ein Rückgang zu verzeichnen. Die Anzahl der durch Drogenkonsum verstorbenen Aussiedler ist zwar im Vergleich zum Vorjahr um 19,3 % auf 142 Personen zurückgegangen, bleibt jedoch auf einem hohen Niveau in Relation zum Anteil an der Gesamtbevölkerung.
- Drogenkonsumräume senken Gesundheitsrisiken und Drogentodesfälle Mittlerweile gibt es 20 Drogenkonsumräume in Deutschland. Eine erste Auswertung über die Auswirkungen der Einrichtung von Drogenkonsumräumen bestätigt, dass die derzeit vorhandenen Einrichtungen die wesentlichen Zielsetzungen des Gesetzgebers erfüllen, nämlich die Sicherung des Überlebens, die Stabilisierung der Gesundheit sowie die gesundheitliche und soziale Rehabilitation einer beachtlichen Personenzahl aus der Zielgruppe schwer erreichbarer Betäubungsmittelabhängiger.
- Am 1.3.2002 ist das Modell "heroingestütze Behandlung" in Bonn angelaufen. Es wird in 7 deutschen Großstädten durchgeführt und durch einige Bundesländer und die jeweiligen Kommunen mitfinanziert. Das Modell wird als medizinische Studie durchgeführt und wissenschaftlich begleitet. Schwerstabhängige Heroinabhängige bekommen unter ärztlicher Aufsicht Heroin verabreicht. Durch dieses Angebot hoffen wir den gesundheitlichen Zustand dieser langjährig Abhängigen zu verbessern und Ihnen eine Perspektive für einen Ausstieg aus der Sucht zu ermöglichen.
- Die Qualität der Substitutionsbehandlung wird verbessert. Mittlerweile werden rund 50.000 Opiatabhängige substituiert. Darüber hinaus befinden sich rund 10.000 Opiatabhängige in einer drogenfreien Therapie, so dass wir derzeit etwa jeden zweiten Abhängigen entweder durch eine drogenfreie oder durch eine substitutionsgestützte Behandlung erreichen. Es ist ein ausdrückliches Ziel der Bundesregierung, diesen Anteil weiter zu erhöhen. Dazu muss insbesondere die substitutionsgestützte Behandlung leichter zugänglich und gleichzeitig qualifizierter angeboten werden. In diesem Jahr wird ein bundesweites Substitutionsregister eingerichtet, um genaue Informationen über die Substitution zu erhalten und um Doppelverschreibungen zu erkennen und zu verhindern. Die Bundesärztekammer hat zudem "Richtlinien zur substitutionsgestützten Behandlung" verabschiedet, die die fachlichen Standards für diese Behandlungsform setzt.
Betäubungsmittel kontrollieren und den Ausbau der Internationalen Zusammenarbeit fördern. (nach oben)
Die durch Polizei- und Zollbehörden registrierten Sicherstellungsfälle sind im Jahr 2001 - mit Ausnahme von Marihuana - bei allen gängigen Drogen zurückgegangen. Bemerkenswert ist der Rückgang der Fallzahlen bei Kokain und Haschisch. Die Entwicklung der Sicherstellungsmenge wurde im Jahr 2001 von einem deutlichen Anstieg bei Ecstasy und moderateren Steigerungsraten bei Kokain und Heroin geprägt. Als Ursprungsstaaten dominieren seit Jahren Afghanistan, Kolumbien und die Niederlande sowie die Türkei als Transitstaat für Heroinlieferungen. Insbesondere die Niederlande sind häufig Herkunftsland für die in Deutschland sichergestellten Drogen.
Die afghanische Interimsregierung erließ unmittelbar nach Übernahme der Regierungsverantwortung ein Verbot zum Mohnanbau sowie zum Handel mit Opium. Es ist jedoch zur Zeit nicht absehbar, ob dieses überall und effektiv durchzusetzen ist.
Die Zahl der erstmalig bei der Polizei auffälligen Drogenkonsumenten stagniert mit 22.551 Personen auf dem Niveau des Vorjahres.
Die Zahl der erstmalig bei der Polizei auffälligen Drogenkonsumenten stagniert mit 22.551 Personen auf dem Niveau des Vorjahres.
Vorläufersubstanzen zur Herstellung von illegalen Drogen werden überwacht. (nach oben)
Ohne chemische Vorläufersubstanzen (sog. Grundstoffe) können Drogen nicht hergestellt werden. Deshalb wurde in der Europäischen Union und in Deutschland die Kontrolle und Überwachung des Binnen- und Drittlandhandels mit Grundstoffen ausgebaut und wird ständig nach den neuesten Erkenntnissen der Forschung in Kooperation mit der chemischen Industrie überprüft. Die Verabschiedung eines überarbeiteten Grundstoffüberwachungsgesetzes ist gerade auf dem Weg.
Alternative Entwicklungsprogramme werden gefördert. (nach oben)
Die aktuelle Situation in Afghanistan hat der Weltöffentlichkeit verdeutlicht, wie stark Drogen- und Entwicklungsprobleme miteinander verflochten sind. Neben ihrer Rolle als Produzenten von illegalen Drogen sind Entwicklungsländer und Transformationsländer heute weltweit die von der Drogenmissbrauchsproblematik am stärksten betroffenen Länder.
Es geht daher nicht nur darum, bestimmte Substanzen zu kontrollieren, sondern vor allem darum, die Ursachen von Drogen- und Entwicklungsproblemen - insbesondere Armut - zu mindern und die Nachhaltigkeit von Entwicklungsprozessen zu sichern.
Dazu fördert die Bundesregierung die internationale Zusammenarbeit und die Kooperation mit multilateralen Organisationen wie dem United Nations International Drug Control Programme (UNDCP). Es soll auch der Drogenkonsum, der gerade in Entwicklungsländern stark zugenommen hat, reduziert oder verhindert werden. Hierbei stehen neben allgemeinen Aufklärungsmaßnahmen und der Behandlung und Wiedereingliederung von Drogenkonsumenten zunehmend Strategien der drogen- und suchtbezogenen Förderung der Jugendgesundheit im Vordergrund.